Das Herumstreifen von Sento zu Sento hat wirklich seinen eigenen Reiz. Nach zwei Runden Sauna und Kaltbad im Gokoyu bin ich zur Frischluft schnappend zum Hakusanyu Takatsuji gelaufen – gerade mal fünf Minuten zu Fuß. Dass zwei der besten Sentos Japans in so kurzer Distanz voneinander liegen, fühlt sich fast wie Mogeln an.
Ich schritt durch den Noren am Eingang, kaufte mein Badticket und bemerkte, dass in der Nähe des Empfangs allerlei Originalartikel zum Verkauf standen. Im Umkleidebereich für Männer empfing mich sofort das vertraute Retro-Flair der Showa-Ära. Ich zog mich zügig um und betrat den Badebereich. Da ich kurz zuvor noch im Gokoyu gebadet hatte, ließ ich das Abwaschen vor der Sauna diesmal aus und ging direkt hinein.
Das Erste, was ich beim Betreten der Sauna spürte, war: Hitze. Das Thermometer zeigte 115 °C. Der Schweiß brach sofort aus allen Poren. Der Geruch nach Schweiß in der Sauna war dabei kaum zu übersehen. Abgelenkt von Hitze und Geruch, bemerkte ich erst mit einer kurzen Verzögerung, dass vor mir ein Mann mit Ganzkörpertätowierungen saß. Schon wieder. Dabei war ich im Gokoyu gerade erst in aller Seelenruhe zusammen mit einem ebenfalls vollständig tätowierten Mann gesessen. Als ich beiläufig einen Blick auf seine Hände warf, stellte ich fest: Beide kleinen Finger fehlten. Eindeutig jemand aus der Unterwelt. Ich vermied Augenkontakt und konzentrierte mich vollständig auf mich selbst.
Direkt vor dem Saunaausgang befindet sich das Kaltbad. Zwei Löwenköpfe spucken mit gewaltiger Kraft Grundwasser herein. Das Hakusanyu Takatsuji gilt als das Sento mit dem besten Wasser in Kyoto – einer Stadt, die ohnehin für ihr exzellentes Grundwasser berühmt ist. Laut dem Betriebsleiter ist das Wasser hier sogar trinkbar. In Videoberichten über das Bad sah ich schon Leute, die es mit hohlen Händen direkt aus dem Becken tranken, und auch an diesem Tag schöpfte jemand das Wasser mit beiden Händen und trank davon. Mir war zufällig auch der Hals trocken, also: her mit dem guten Wasser. Erst tauchte ich bis zum Kopf ein, um den ganzen Körper zu kühlen. Das Wasser fiel wie ein Wasserfall auf meinen Kopf – herrlich. Dann hielt ich meine Hände unter einen der Löwenköpfe und trank in langen, kräftigen Zügen. Wunderbar weich und mild im Geschmack.
Im Kaltbad zu sitzen und dabei das Wasser zu trinken – das ist eine urwüchsige, überwältigende Erfahrung. Gerade weil man das nur in ganz wenigen ausgesuchten Bädern erleben kann, bleibt es so eindringlich und tief im Gedächtnis.
Irgendwann dachte ich: „Das ist das erste Mal seit einer Weile, dass ich Wasser aus dem Kaltbad trinke.

In ganz Japan gibt es nur wenige Sentos, deren Quellwasser so rein ist, dass man es trinken kann. Aus meiner eigenen Erfahrung war das bisher nur in Sauna Shikiji in der Präfektur Shizuoka, Spa Alps in der Präfektur Toyama, Yuya FUROBAKKA, Ogaki Sauna in der Präfektur Gifu und Kinjo Onsen Motoyu in der Präfektur Ishikawa möglich. Jetzt hat sich das Hakusanyu Takatsuji in Kyoto in diese erlesene Runde eingereiht.
Nach dem Kaltbad führte ein eigener Gang hinaus zum Außenbereich, wo ich mich auf eine Bank setzte. Beseelt von dem besten Kaltbad Kyotos fühlte sich jede einzelne Pore meines Körpers an, als wollte sie vor Freude jubeln.
Nach einer Weile stiller Benommenheit ging ich wieder in die Sauna. Nur um danach wieder das unglaubliche Kaltbad genießen zu können. Hier ist das Kaltbad der eigentliche Star – nicht die Sauna. Im zweiten Durchgang roch es in der Sauna wieder nach Schweiß. Ich betrachtete es als Prüfung vor dem Genuss des Kaltbades. Ich ließ den Geist leer werden, schwitzte stur vor mich hin und dachte nur an das Kaltbad, das mich erwartete.
Als ich die Sauna verließ, war das Kaltbad für mich allein. Niemand sonst da. Eine solche Gelegenheit kommt nie wieder. Ich wusch den Schweiß ab, stieg ins Becken und tauchte den Kopf vollständig unter. Dann ließ ich mich nach vorn ins Wasser fallen. Wäre jemand anderes dagewesen, wäre das natürlich unhöflich gewesen – aber so war es kein Problem. Nachdem ich meinen Körper gründlich abgekühlt hatte, war es Zeit für das Pflichtprogramm: das Trinken. Ich hielt beide Hände dicht unter einen der Löwenköpfe und trank in tiefen Schlucken. Das Wasser zog durch den von der Sauna ausgedörrten Körper wie Regen durch trockene Erde. Ich hatte das Gefühl, dass selbst Blutgefäße und innere Organe sich erfrischten. So gut war es.
Anschließend wieder draußen in wohligem Dämmerzustand, dann die dritte Runde, die vierte – Sauna, Kaltbad, Frischluft, immer wieder. Der Saunaraum blieb hartnäckig schweißig, aber das Kaltbad war so großartig, dass sich alles in eine einzige herrliche Erinnerung verwandelte. Das Hakusanyu Takatsuji ist schlicht das beste Sento.





