Auf Saunareisen gehört das Unerwartete zum Alltag.
An diesem Tag war ich schon morgens bester Laune zum Natürlichen Onsen Nobuha-no-Yu Tsuruhashi gefahren – und dann war ausgerechnet Ruhetag. Enttäuschender geht es kaum. Aber ein Saunaverrückter wie ich lässt sich von so etwas nicht aufhalten. Meine Stärke: Im Kopf steht sofort eine Liste mit Alternativen. Ganze fünf Sekunden. So lange habe ich gebraucht, um mein nächstes Ziel festzulegen. Es sollte nach Higashiosaka gehen, ins Hanazono Onsen sauna kukka.
Das Hanazono Onsen sauna kukka hat im großen Bad im zweiten Stock eine Hauptsauna und eine Sauna mit Selbstaufguss. Im dritten Stock gibt es außerdem den gemischten Bereich OMA mit der riesigen Sauna Kukka für 80 Personen, einer Holzofensauna und sogar privaten Saunen. Ich hätte am liebsten alles ausprobiert, habe mich diesmal aber bewusst auf das große Bad beschränkt. Denn um in Ruhe ganz bei mir selbst zu sein, gibt es nichts Besseres als ein stilles großes Bad.
Ich betrete das Bad, wasche mich und beginne die erste Runde in der Hauptsauna, der Sauna Hanazono. Drinnen ist es wie bei meinem letzten Besuch: heiß. Das Thermometer zeigt 85 °C, also nicht gerade glühend. Doch die hohe Luftfeuchtigkeit und die gute Luftzirkulation zusammen lassen es wahnsinnig heiß wirken. Die Saunakabine ist geräumig, und die Sitzbänke sind so tief, dass man die Beine ausstrecken kann. Richtig bequem. Im Raum liegt ein ganz leichter, süßsäuerlicher Duft, der an Acerola erinnert. Ich schwitze vor mich hin, schaue dabei das Fernsehprogramm, das per Beamer an die Wand geworfen wird, mein Puls steigt allmählich, bis ich an meine Grenze komme.
Ich verlasse die Sauna und gehe zum Tauchbecken. Das Besondere hier ist ganz klar, dass das Tauchbecken mit natürlichem Onsenwasser gefüllt ist. Schweiß abgespült, hineingesprungen – und im selben Moment nicke ich anerkennend, so weich fühlt sich das Wasser auf der Haut an. Es hat eine fast leicht seidige Textur, und die Kälte sticht überhaupt nicht auf der Haut. Auch Größe und Tiefe lassen keine Wünsche offen: Zehn Leute passen locker hinein, und im Stehen steht einem das Wasser bis zu den Schultern.
„Ein gutes Haus ist eben ein Haus mit einem großartigen Tauchbecken.“
So aufwendig die Saunakabinen auch sein mögen – ist das Tauchbecken, der eigentliche Hauptgang, mickrig, bleibt vom ganzen Saunaerlebnis unterm Strich wenig Zufriedenheit übrig. Die Sauna ist nur die Vorspeise. Das Tauchbecken ist das wahre Herzstück.
Ein paar Schritte vom Tauchbecken entfernt beginnt schon der Bereich zum Abkühlen im Freien. Im weitläufigen Außenbereich mit dem Bad unter freiem Himmel stehen etwa 20 Stühle. Ich folge dem perfekten Weg vom Tauchbecken, lasse mich in einen Stuhl sinken und spüre den Wind von Higashiosaka. Schon nach der ersten Runde merke ich, wie meine Zellen vor Freude jubeln.
Die zweite Runde geht in die Sauna mit Selbstaufguss. Auch hier sind wie in der Hauptsauna 85 °C eingestellt, und es fühlt sich ziemlich heiß an. Mit Aufguss würde ich das wohl nicht durchstehen, also beschließe ich, auf den Selbstaufguss bewusst zu verzichten. Genau in dem Moment spricht mich jemand an: „Is’ okay, wenn ich mal aufgieß’?“
Als Saunafan kann ich da nicht Nein sagen. Ehe ich mich versehe, antworte ich: „Äh, ja, gern …“
Im nächsten Augenblick steigt von den Saunasteinen gewaltiger Dampf auf, und die Hitze übernimmt die Kabine. Ich bin gerade mal zwei Minuten drin, und schon läuft mir der Schweiß in Strömen herunter. Schwitzen tue ich also, aber mein Puls ist noch kaum gestiegen. Da hilft nur eins: ausharren und warten, bis der Puls hochgeht. Sauna ist ein Kampf mit sich selbst.
Nachdem ich die mörderische Hitze durchgestanden habe, ist das Tauchbecken der reinste Hochgenuss. Ich tauche mit dem ganzen Körper in das tiefe Becken und kühle mich vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen eiskalt ab. Danach lasse ich mich regelrecht in einen Stuhl im Freien fallen und bin eine ganze Weile völlig weggetreten.
„Mann, is’ dat herrlich!“
Die donnernde Stimme direkt neben mir holt mich in die Wirklichkeit zurück. Ich denke, jemand spricht mich an, und drehe mich zur Seite – aber es ist wohl nur ein Selbstgespräch. Ich verstehe nur zu gut, wie herrlich sich das anfühlt, aber ein bisschen leiser wäre schon schön.
Danach gönne ich mir noch je eine Runde in der Hauptsauna und in der Sauna mit Selbstaufguss, insgesamt also vier Runden. Damit ist mein Saunaprogramm im Hanazono Onsen sauna kukka beendet.

Beim Essen im Restaurant des Hauses denke ich darüber nach, wie es weitergehen soll. Es ist erst früher Nachmittag. Um jetzt schon nach Hause zu fahren, ist es ein bisschen früh. Andererseits habe ich nicht mehr genug Kraft, um noch weitere Saunen abzuklappern, also brauche ich wohl ein paar Stunden Pause. Ich beschließe, den Autositz zurückzuklappen und ein Nickerchen zu machen.
Ich schlafe etwa 30 Minuten, doch meine Gedanken wollen sich einfach nicht ordnen. Also fahre ich erst einmal Richtung Tokushima, wo ich wohne, und halte irgendwo an, je nachdem, wonach mir gerade ist.
Ich fahre und fahre auf der Autobahn, und ehe ich mich versehe, bin ich schon wieder auf Awaji. Da kommt mir plötzlich ein Gedanke.
„Ich gehe auf Awaji noch in ein Onsen und fahre dann heim.“
Ich war schon so oft unterwegs, bin aber jedes Mal einfach an Awaji vorbeigefahren, und das hat mich immer gewurmt. Auf Awaji gibt es einige bekannte Onsen-Orte, etwa Sumoto Onsen oder die Onsen-Region Minami-Awaji.
Dabei kommt mir ein bestimmtes Haus wieder in den Sinn. Ich war dort schon einmal mit meiner Familie: ein Ort mit Onsenwasser von so glibberig-weicher Textur, als säße man in einer Wanne voller Gleitgel – und das liegt doch direkt auf dem Heimweg!
Dort anhalten und die Reise mit hochwertigem natürlichem Onsenwasser abrunden. Das ist das schönste Ende, das man sich denken kann. In diesem Moment rastet das letzte Puzzleteil der Reise mit einem Klick ein.
Mein nächstes Ziel: das Kurhaus Minami-Awaji Sanyu-kan.

