Dass man innerlich vollkommen leer wird – wie oft im Leben kann man das wirklich erleben?
Nach einem überwältigenden Saunaerlebnis mit atemberaubendem Meeresblick im Kitakobushi Shiretoko Hotel & Resort startete ich den Motor und machte mich auf zum nächsten Ziel. Statt des Meeres wartete diesmal ein Wald auf mich. Mitten im Urwald von Nakashibetsu in Hokkaido liegt still und verborgen die legendäre Thermalquelle Yuyado Daiichi. In den letzten Jahren hat man dort auch dem Saunaerlebnis besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und Saunagänger aus ganz Japan träumen davon, hier einmal in die Bäder einzutauchen.
Ich fuhr über den Shiretoko-Pass hinunter nach Rausu. Vor mir lag Kunashiri-tō. Auf der Karte wirkt die Insel schmal und klein, aber wenn man sie in echt sieht, hat sie eine beeindruckende Präsenz. Von Rausu fuhr ich südwärts nach Shibetsu-machi und dann landeinwärts Richtung Nakashibetsu. Allmählich verschwand jede Spur von Zivilisation, und die grandiose Weite Osthokkaidos füllte meinen Blick. Auf riesigen Weiden grasten unzählige Kühe. Ein Anblick, den man im Alltag kaum je zu sehen bekommt – ich hielt unwillkürlich an und schaute ihnen einfach eine Weile zu, wie sie da so friedlich grasten. Auch solche kleinen Umwege würzen die Reiselust. Je näher ich Yuyado Daiichi kam, desto dichter wurde der Wald. Im Moment, als ich den Urwald hinter mir ließ, öffnete sich plötzlich der Blick, und das Ziel erschien vor mir.
Aufmerksam, wie man es dort ist, kam ein Mitarbeiter sogar bis auf den Parkplatz, um mich zu begrüßen. Beim Check-in kamen wir ganz selbstverständlich auf das Thema Sauna zu sprechen. Als ich fragte, ob ich am nächsten Morgen das große Bad fotografieren dürfte, erkannte er mich sofort als überzeugten Saunafan und gab mir alle möglichen Tipps, wie man das Erlebnis am besten genießt. Er erzählte mir, dass die Mitarbeiter von Yuyado Daiichi die große Badeanlage kostenlos nutzen können, und dass er selbst ein begeisterter Thermen- und Saunafan ist und sogar an seinen freien Tagen herkommt, um zu baden. Dann sagte er beim Abschied noch etwas, das sich mir ins Gedächtnis einbrannte:
„Viele unserer Gäste sind leidenschaftliche Thermenliebhaber, und wir hören oft, dass das Erlebnis hier das schönste ihres Lebens war. Ich selbst denke übrigens genauso darüber.„
Das ist wirklich etwas Besonderes. Ein Mitarbeiter, der aus tiefstem Herzen überzeugt ist, dass die eigene Einrichtung die beste in Japan ist. Nun denn – ich würde mich selbst davon überzeugen.
Ich ging durch den langen Korridor in die große Badeanlage. Alles war makellos sauber, kein einziges Staubkorn zu sehen. Ich zog mich um, öffnete die Tür – und in diesem Moment öffnete sich vor mir ein majestätischer Raum, wie er nur einem traditionsreichen Ryokan zu eigen ist. In die prächtige Wanne aus Zypressenholz sprudelte ununterbrochen heilendes Quellwasser. Echtes, ungemischtes Quellwasser, direkt aus der Erde.
Im Freien erwartete mich eine Welt, die das Wort atemberaubend verdient. Die Aussicht auf den Gebirgsbach, der durch den Urwald fließt, war von betörender Schönheit und erfüllt von einem erfrischenden Schwall negativer Ionen. Das Bad ist so angelegt, dass man praktisch direkt am Fluss sitzt. Ich tauchte ein, umgeben vom Rauschen des Wassers und dem Duft von Erde und Grün. Kein Einswerden mit der Natur – eher das Gefühl, dass man als Mensch in die Natur hineinfließt und sich in ihr auflöst.
Es gibt vier verschiedene Saunen, einen tiefen Kaltbadebecken mit gekühltem Thermalwasser und die Möglichkeit, direkt in den etwa 13 °C kalten Gebirgsbach zu springen – ein herrlich urwüchsiges Erlebnis. Dazu reihen sich Liegestühle entlang des grünen Bachufers für eine vollkommene Außenluftpause. Schon beim Überblicken der Anlage war ich überzeugt: Hier würde ich das beste Erlebnis meines Lebens haben.
Zuerst ließ ich mich in das Felsenbad im Freien sinken und beobachtete dabei den Gebirgsbach. Die durch die lange Fahrt von Shiretoko verspannten Muskeln tauten langsam auf. Die Wasserqualität ist eine Natrium-Kalzium-Chlorid-Sulfat-Quelle. Die Quelltemperatur liegt bei über 80 °C, wird aber auf eine ideal angenehme Temperatur heruntergekühlt und als Durchlaufbad betrieben. Das samtige Wassergefühl auf der Haut ist einfach wunderbar.
Nachdem mein Körper ausreichend aufgewärmt war, wollte ich mich vor der Sauna kurz im Kaltbad abkühlen. Doch da überkam mich ein heftiger Drang – nicht das normale Kaltbecken, sondern den Bach. Ich änderte die Richtung und stieg zum Gebirgsbach hinab, tauchte vorsichtig die Füße ein. Kalt. Gefühlt etwa 13 °C. Als ich mich langsam ins Wasser sinken ließ, durchfuhr mich vom Scheitel bis zur Fußsohle ein Stromschlag aus purer Frische. Eine wilde Freude, die kein noch so gepflegtes Kaltbecken bieten kann. Ich stieg aus dem Bach und ließ mich auf dem Liegestuhl gleich daneben fallen. Ich schloss die Augen, lauschte dem Bach und dem Rauschen des Waldes, spürte den Wind, der sanft über die heiße Haut strich. In diesem Moment war ich ein Teil der großen Natur. Die Sinne schärften sich so sehr, dass ich sogar den Herzschlag der Erde zu spüren glaubte. Und dabei hatte ich noch keinen einzigen Schritt in eine Sauna gesetzt – die Erfüllung, die ich schon jetzt empfand, war schlicht verblüffend.
Nun war es so weit: die Sauna. Im Herrenbereich von Yuyado Daiichi gibt es vier höchst eigenwillige Saunen. Den Seiseryo no Sasayaki Sauna (Sauna des Flüsterns des Klarbachs), bei dem Quellwasser wie ein Wasserfall herabfließt und ständig Dampf erzeugt; den Shimafukuro no Yamiya Sauna (Dunkelheit-Sauna des Fischkauz), einen meditativen Raum, der nach dem Blakiston-Fischkauz benannt ist; den Maki Sauna (Holzsauna), in dem man dem Knistern des Feuers und der rohen Hitze lauscht; und den Kiri no Iyashi Mist Sauna (Heilnebel-Mistsauna), der mit Thermalwasserdampf gefüllt ist.
Den ersten Durchgang widmete ich dem Seiseryo no Sasayaki Sauna. Im Moment des Eintretens traf mich eine Welle kraftvoller Schönheit – und gleichzeitig eine gewaltige Hitze. Das Thermometer zeigte etwa 70 °C, aber bei einer Luftfeuchtigkeit von fast 60 % fühlte sich die Hitze enorm an. Die Wärme des Thermalwassers stieg direkt als Dampf auf und hielt den Raum in einem Zustand permanenten, herrlichen löyly. Als sich mein Körper langsam gewöhnte, konnte ich den Raum in Ruhe in Augenschein nehmen. Eine kraftvolle Konstruktion aus runden Stämmen und massivem Holz. Vorne ein großes Fenster, durch das man beim Schwitzen den vorbeifließenden Bach beobachten konnte. Die Sitzflächen auf jeder Ebene waren breit genug, um im Schneidersitz Platz zu nehmen, und es gab sogar hölzerne Kopfkissen zum Hinlegen. Und das Herrlichste: Ich hatte diesen Raum gerade ganz für mich allein. Ich legte mich ausgestreckt hin und ließ die Hitze gleichmäßig meinen ganzen Körper durchdringen. Ich spürte, wie mein Atem heiß wie Feuer wurde.
Als ich an meine Grenze kam, torkelte ich aus der Sauna. Direkt daneben war ein verlockend kühles Kaltbecken mit Thermalwasser – doch meine Füße trugen mich wie von selbst zum Bach. Mein Körper sehnte sich nach dieser wilden Frische. Ich stieg in den Bach und ließ mich in die kalte Strömung sinken. Die Strömung riss sofort den schützenden Wasserfilm von meiner Haut, und eine stechende Kälte fuhr durch meinen ganzen Körper. Von der Mitte des Bachs aus konnte ich weit flussabwärts sehen, und die Schönheit der grünen Ufer auf beiden Seiten nahm mir den Atem. Doch die Kälte war überwältigend, und ich kroch schließlich heraus. Dann setzte ich mich auf einen der Liegestühle am Bach und genoss die Außenluftpause inmitten der großen Natur.
Als ich das nächste Mal zu mir kam, wirkte der Himmel ein wenig dunkler. Wie lange hatte ich hier gelegen und in den Himmel gestarrt, wie weggedämmert? Egal. Hier existiert die Zeit nicht.
Für den zweiten Durchgang begab ich mich zum Maki Sauna, einer Holzsauna in einem Anhänger draußen im Freien. Platz für drei bis vier Personen. Ein anderer Gast war schon da und hatte gerade selbst löyly gemacht. Im engen Raum schoss die gefühlte Temperatur beim zischenden Aufguss sofort in die Höhe.
„Das ist ganz schön heiß!„
Zwei wildfremde Männer, schweißgebadet, lachten zusammen. Dann kamen wir ganz natürlich darauf zu sprechen, wie wunderbar Yuyado Daiichi ist. Er wohnte in Hokkaido, sagte er, aber es war schon sein dritter Besuch hier.
„Ich wohne selbst in Hokkaido, aber ich will immer wieder herkommen.„
Das konnte ich nur allzu gut verstehen. Mir ging es genauso. Ich dachte sogar: Wenn man in Hokkaido wohnte, bei Yuyado Daiichi arbeitete und jeden Tag diese Therme und Sauna genießen könnte – das wäre schon ein glückliches Leben.
Wir verließen die Sauna zur gleichen Zeit. Ohne ein Wort zu sagen, merkten wir beide, dass wir in Richtung Bach gingen. Im kalten Gebirgsbach riefen wir einander zu: „Das ist einfach traumhaft!„ und lachten wieder: „Man kommt eben doch immer wieder zum Bach (lacht).„ Dann ließen wir uns auf die Liegestühle am Bachufer fallen, und langsam kamen die Wellen des vollkommenen totonou. Als ich das nächste Mal aufblickte, war der andere Gast verschwunden.
Für den dritten Durchgang betrat ich den Shimafukuro no Yamiya Sauna im Innenbadebereich. Eine dreistufige Bank, auf der auf jeder Stufe ein bis zwei Personen sitzen können – ein kompakter Raum. Ein iki-Ofen mit vielen Saunasteinen thront darin, und alle 15 Minuten läuft die automatische löyly-Funktion. Da der Raum eng ist, entsteht eine mächtige Dampfzirkulation, und eine Hitzewand kommt schwer auf einen zu. Der Name Dunkelheit ist Programm: Der Innenraum ist tatsächlich pechschwarz. Nur ein schwacher Schimmer rund um den Saunaofen beleuchtet sacht die eigenen Füße. Diese Sauna eignet sich hervorragend dazu, mit sich selbst in Zwiesprache zu treten und tief zu meditieren. Ich schloss die Augen, hielt den Hitzewellen stand und erhitzte meinen Körper bis an die Grenze.
Wenige Schritte nach dem Verlassen der Sauna befindet sich das tiefe Kaltbecken im Innenbad. Das Thermalwasser wird auf 15 °C heruntergekühlt. Die Tiefe, die es erlaubt, komplett mit dem Kopf unterzutauchen, ist einfach wunderbar. Das samtige Wassergefühl der Therme bringt eine zarte Sanftheit in die Kälte und verstärkt das Wohlgefühl ins Äußerste.
Direkt nach der Sauna das Kaltbecken, und bei Lust auch noch der Bach als Alternative. Dazu stehen Ruheliegen in null Abstand zum Kaltbecken bereit. Was ist das nur für eine perfekte Abfolge? Ich kann nur den Hut ziehen.




Bis zum Check-out am nächsten Tag badete ich insgesamt viermal: am Nachmittag, abends, morgens und kurz vor Mittag. Jedes Mal wollte ich so lange wie möglich, auch nur eine Minute mehr, in diesem Raum bleiben. Diese Sehnsucht trieb mich immer wieder ins große Bad.
Besonders die nächtliche Stimmung war etwas ganz Eigenes. Das beleuchtete Außenbad strahlte eine traumhafte Schönheit aus, und das Murmeln des Bachs sowie das Zirpen der Insekten klingelten angenehm in den Ohren. Doch wenige Schritte jenseits des Lichts lag absolute Dunkelheit. Eine bodenlose Bedrohung der Natur, ganz anders als das ruhige Gesicht des Tages. Ich hatte sogar eine archaische Angst, dass aus dieser pechschwarzen Dunkelheit plötzlich ein Braunbär auftauchen könnte. Es ist nicht nur ein Gefühl des Wohlbefindens – daneben lauert eine Angst, die an das Lebensrisiko rührt. Das ist eine Empfindung, die man nur erleben kann, weil es hier diese wilde Seite des Einswerdens mit der Natur gibt. Angst ist gleichbedeutend damit, das Leben zu spüren. In diesem Sinne ist dies nicht einfach ein Thermen-Ryokan, sondern ein Ort, an dem man die Konturen des menschlichen Lebens schmerzhaft scharf erleben kann.
Das Saunaerlebnis diesmal lässt sich nicht mit dem Wort totonou beschreiben. Das treffendere Wort ist: Ich bin geschmolzen. In der überwältigenden Hitze und Kälte, geborgen im Schoß der großen Natur, wurde das Ich und all meine Gedanken vollständig leer. So fühlt sich also das Leerwerden an. Eine Urnatur, in der man zum ursprünglichen Menschsein zurückfindet und sich selbst neu starten kann. Dazu kommt eine erstklassige Therme, vier Saunen, ein perfektes Kaltbecken und Außenlufterholung.
Wer sein Leben neu starten möchte, sollte nach Yuyado Daiichi kommen. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber hier liegt eine absolute Wahrheit, die nur der versteht, der sie selbst erlebt hat.
Die Saunareise durch Hokkaido nähert sich nun ihrem Ende. Ich verabschiedete mich von Yuyado Daiichi und machte mich auf zum letzten Ziel meiner Reise: dem Akan-See. Die Bühne wechselt vom Wald zum See. Ich werde in Ruhe in der Therme liegen und dabei die herrliche Aussicht auf den Akan-See genießen. Das nächste Ziel ist das New Akan Hotel am Akan-See (Akankohan Onsen). Die Reise ist noch nicht zu Ende.





