Eine Nacht und ein Morgen, geborgen in einer berühmten Heilquelle und im Sauna-Flow
Hokkaido
7. Juni 2026 | Vol.8
「Jozankei Shikanoyu」 Erfahrungsgeschichte
Eine Nacht und ein Morgen, geborgen in einer berühmten Heilquelle und im Sauna-Flow
Reisetagebuch
Ich stehe jetzt vor dem Gebäude.
Dies ist das letzte Ziel meiner Onsen- und Saunareise durch Hokkaido — Jozankei Shikanoyu.
Dieses Hotel ist das wohl größte in der Jozankei-Thermalregion und strahlte in seiner imposanten Erscheinung die Würde einer altehrwürdigen Herberge mit langer Geschichte aus. Ich durchquere den Eingang und erledige an der Rezeption den Check-in. Das Zimmer, in das ich geführt werde, bietet einen unverstellten Blick auf die Schlucht von Jozankei. Ich packe mein Gepäck aus und betrachte eine Weile das frisch-grüne Tal, das sich vor dem Fenster ausbreitet. Ein wahrhaft herrlicher Ausblick.
Dieses Gefühl hält allerdings nur einen Augenblick, denn fünf Minuten später verliere ich bereits das Bewusstsein. Ein Mittagsschlaf.
Kein Erkunden des Hotels, keine Besichtigungen in der Umgebung, sondern erst einmal ein Nickerchen. Denn für mich hat die Freude an Onsen und Sauna oberste Priorität. Der Körper, der auf dieser Reise eine Thermalquelle nach der anderen im Norden aufgesucht hat, hat sich angenehm, aber doch spürbar erschöpft. In einem Zustand der Erschöpfung kann man weder die Hitze der Sauna noch die Kälte des Wasserbeckens in ihrer vollen Intensität genießen. Also ist es die richtige Entscheidung, zunächst zu schlafen. Nur wer seine Kräfte wiederherstellt, kann die abendliche Session zu einem wahrhaft außergewöhnlichen Erlebnis machen. Eine weitere Sehenswürdigkeit abzuhaken, ist für mich weit weniger wertvoll als dieser eine Schlaf.
Ich schlief etwa zwei Stunden und wachte um 17 Uhr auf. Dank des tiefen Schlafs sind meine Kräfte vollständig wiederhergestellt. Da bis zum Abendessen noch Zeit bleibt, bereite ich mich in aller Ruhe auf das Bad vor.
Übrigens hatte ich das Abendessen an diesem Tag bewusst auf die späteste mögliche Zeit reserviert. Der Grund ist einfach: Ich möchte das große Gemeinschaftsbad zu einer ruhigeren Stunde aufsuchen. In japanischen Hotels und Ryokan beginnt das Abendessen häufig gegen 18 Uhr. Und das typische Muster der meisten Gäste sieht so aus: ab etwa 16 Uhr das Onsen genießen, danach Abendessen und Sake trinken. Damit ist die Zeit zwischen 16 und 18 Uhr am stärksten frequentiert — so lautet zumindest meine Schlussfolgerung nach zahlreichen Aufenthalten in verschiedenen Unterkünften. Rechnet man rückwärts, ergibt sich die optimale Zeit von selbst.
Um 18 Uhr begebe ich mich mit Bedacht zum großen Bad, und wie erwartet sind die frühen Abendessen-Gäste gerade dabei, geschlossen aufzubrechen. Genau wie geplant. Ich muss sagen, das war eine ziemlich treffsichere Einschätzung.
Das Gemeinschaftsbad hat eine bemerkenswert durchdachte Struktur. Es ist zweistöckig, im zweiten Stock befindet sich der Umkleidebereich. Von dort steigt man über eine Wendeltreppe hinunter in das Bad im ersten Stockwerk. Diese Treppe allein schafft schon eine besondere Atmosphäre. Mit jedem Schritt nach unten wird der Duft von Dampf und Schwefel dichter, und die Vorfreude steigt unweigerlich.
Unten angekommen, öffnet sich ein Raum, der den Namen „Heilquelle" wahrlich verdient. Die Decke reicht bis ins zweite Stockwerk hinauf, das große Innenbad wird ununterbrochen mit Jozankei-Thermalwasser gespeist, und der aufsteigende Dampf erfüllt den hohen Raum mit einer traumhaften Atmosphäre. Sowohl im Innenbad als auch im Außenbereich sind an strategischen Stellen Liegestühle aufgestellt, sodass die Wege zum Entspannen nach Sauna und Wasserbecken sorgfältig durchdacht sind.
Ich begebe mich zunächst ins Außenbad und lasse mich behutsam in das berühmte Wasser von Shikanoyu gleiten. Der Legende nach sollen einst verletzte Hirsche in diesem Wasser ihre Wunden geheilt haben — daher der Name „Shikanoyu". In dem Moment, in dem ich eintauche, weicht die gesamte Anspannung meines Körpers. Es ist, als würden die Schlösser jeder einzelnen Zelle nacheinander geöffnet. Ich lausche dem Rauschen des Toyohira-Flusses, der gleich neben mir fließt, während im Inneren meines Körpers eine Wärme entfacht wird wie ein Feuer. Das ist die Kraft des Jozankei-Onsen.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf das Jozankei-Onsen eingehen. Die Quellwasserqualität ist eine Natriumchloridquelle. Da das am Körper haftende Salz die Verdunstung des Schweißes verhindert, wird es auch als „Wärme-Onsen" bezeichnet. Einmal aufgewärmt, kühlt man so schnell nicht mehr ab, es ist ein Wasser, das bis ins Mark wärmt. Die Geschichte reicht weit zurück: Im Jahr 1866 soll der Mönch Bisen Jozankei durch die Führung der Ainu-Bevölkerung die Quelle entdeckt haben. Besonders bemerkenswert ist die Schüttungsmenge: Das Wasser sprudelt noch heute natürlich aus Rissen im Flussbett und Felsufer hervor, mit mehr als 8.600 Litern pro Minute — eine der größten natürlichen Schüttungen in Japan. Es ist kein von Menschenhand gepumptes Wasser, sondern ein Wasser, das die Erde aus eigenem Antrieb fließen lässt. Bei diesem Gedanken steigt die Dankbarkeit für dieses Bad noch einmal um ein Vielfaches.
In einer echten Heilquelle wärmt sich der Körper so stark auf, dass man direkt ins Wasserbecken gehen könnte, ohne zuvor die Sauna besucht zu haben. Also nutze ich die Gelegenheit und senke mich vor dem Saunagang in das 16-Grad-Wasserbecken, um mich auf die erste Runde vorzubereiten. Erwärmen mit der Heilquelle, abschließen mit Naturwasser. Noch bevor ich die Sauna betrete, zeichnet sich bereits ein Hauch von Totonou ab.
Und nun: die Sauna.
Als ich die Tür der Saunakammer öffne, spricht mich zunächst die Schönheit ihrer Gestaltung an. Doch bevor ich mich recht besinnen kann, überrascht mich die intensive Hitze: Die Raumtemperatur beträgt 105 °C. Dazu sorgt ein automatisches Löyly, bei dem großzügig Wasser auf die Saunasteine gegossen wird, für hohe Luftfeuchtigkeit, sodass die gefühlte Temperatur enorm ist. Ich sitze normalerweise grundsätzlich auf der obersten Bank, doch an diesem Tag ließ mich die schiere Hitze schnell auf die mittlere Bank ausweichen.
Außer mir waren nur zwei weitere Personen in der Sauna. In der von Stille erfüllten Kammer dringt nichts vor als die brütende Hitze. Dabei spielte ein angenehmes Hintergrundlied leise aus den Lautsprechern im Raum. Je länger ich der Musik lauschte, desto mehr gewann ich merkwürdigerweise etwas Fassung. Ich überließ mich der Hitze und richtete mein Bewusstsein auf den Klang. Auch das ist eine Art, die Sauna zu genießen.
Der Mittelpunkt dieses Saunaraums ist der METOS-iki-Ofen vorne. Aus dem mächtigen Körper, auf dem über 600 kg Saunasteine aufgeschichtet sind, verwandelt sich das von oben aufgegossene Wasser schlagartig in Dampf. Das automatische Löyly alle 20 Minuten erfüllt den Raum mit idealer Luftfeuchtigkeit. Was besonders ins Auge fällt, ist die Gestaltung der Bänke: Sie verlaufen in Zickzackform und steigen in Stufen bis zur obersten Ebene auf. Anders als in einer gewöhnlichen Sauna, in der alle in dieselbe Richtung schauen, sorgt diese Zickzack-Struktur dafür, dass Sitzposition und Blickrichtung für jeden natürlich verschieden sind. Eine wirklich originelle Konstruktion, die auch optisch schön ist.
Nachdem ich meinen Körper bis an die Grenze erhitzt habe, folgt das ersehnte Wasserbecken. Das Wasser hier ist das unbehandelte Quellwasser des Toyohira-Flusses, ein wahrhaft luxuriöses Naturwasser. Es stehen zwei Temperaturen zur Auswahl: 16 °C und 9 °C. Das 16-Grad-Becken enthält das Quellwasser in seiner natürlichen Temperatur, das 9-Grad-Becken wird mit einem Kühlaggregat eisigkalt gehalten. Die Wahl ist klar: 9 °C. Man steigt über eine Treppe ins Becken, das außerdem erfreulich tief ist. Wenn man sich vollständig eintaucht, ist die Kälte trotzdem irgendwie sanft. Das ist das Gefühl, das nur Naturwasser bieten kann. Erstaunlicherweise könnte ich trotz der 9 °C ewig darin bleiben. Der im 105-Grad-Sauna bis ins Mark erhitzte Körper wird auf einmal durch und durch abgekühlt. Diese Erfrischung ist ohne Zweifel suchterzeugend.
Danach begebe ich mich in den Außenbereich und lasse mein gesamtes Körpergewicht in einen Infinity-Liegestuhl sinken. Ich spüre, wie das heftige Herzklopfen sich langsam, aber sicher beruhigt. Der Temperaturunterschied zwischen Sauna und Wasserbecken beträgt ganze 100 °C. Diese enorme Schwankung ist es, die die überwältigende Wonne der Außenluftbad-Phase erzeugt. Während ich dem Rauschen des Toyohira-Flusses tief unter mir lausche, lösen sich die Konturen meines Körpers allmählich auf. Die kühle Luft des Hokkaidoer Tals streichelt sanft die erhitzte Haut.
Die zweite Runde beginne ich im Außenbad. Eine echte Heilquelle hat etwas Eigenartiges: Ohne es bewusst zu wollen, zieht es den Körper wie magnetisch immer wieder in dieses Wasser. Man möchte immer wieder und immer länger eintauchen. Wer in dieser Quelle liegt, wird wohl nicht krank, und wenn man doch krank wäre, würde man wieder gesund. So stark ist die Intuition, die dieses Wasser hervorruft. In Japan gibt es seit alters her die Tradition der „Toji", also des langen Badekuraufenthalts in einer Thermalquelle, und die Zahl derer, die durch dieses Wasser genesen sind, ist unzählbar groß. Solche Kraft wohnt dem Onsen inne. Ich will dieses Jozankei-Wasser, das vielleicht einmal im Leben mein erstes und letztes Mal hier sein wird, bis auf den letzten Tropfen genießen.
Am Ende habe ich an diesem Tag das Onsen mindestens genauso genossen wie die Sauna, wenn nicht sogar mehr. In jeder Runde ließ ich mich zunächst ausgiebig in der Heilquelle erwärmen, bevor ich in die brutal heiße Sauna ging. Diese für Jozankei Shikanoyu typische Abfolge hatte sich vollständig eingespielt: Mit dem Onsen erwärmen, in der Sauna erhitzen, mit Naturwasser abschließen. Kann es einen größeren Luxus geben?
Damit ist die Abendsession beendet.
Jetzt muss ich nur noch gut essen und tief schlafen. Und morgen früh will ich mich noch einmal in diese Heilquelle senken, bevor ich Hokkaido verlasse. Mit diesen Gedanken schlief ich jene Nacht in tiefer Zufriedenheit ein.
Blick auf JozankeiNigatsubashi-BrückeJozankei Gensen-ParkBeleuchteter Jozankei-Schrein
Am nächsten Morgen wachte ich um 5 Uhr mit einem Mal auf. Und glücklicherweise öffnet das große Bad ebenfalls schon um 5 Uhr morgens. Mit dem Morgenblick auf Jozankei aus dem Zimmerfenster im Auge setzte ich entschlossen den ersten Schritt in Richtung des großen Bads.
Das große Bad von Jozankei Shikanoyu ist so organisiert, dass Männer und Frauen am Abend und am Morgen die Bereiche tauschen. Das heißt, am Morgen betrete ich ein anderes Bad als jenes, in dem ich gestern Abend war. Die grundlegende Anordnung ist zwar gleich, aber die Sauna selbst verfolgt ein völlig anderes Konzept. Während das Bad von gestern Abend mit 105 °C und einer Zickzack-Stadionform aufwartete, ist die Sauna des heutigen Morgens mit gefühlt 85 bis 90 °C deutlich sanfter temperiert. Auch die Gestaltung des Saunaraums ist eine andere: In der Mitte steht ein iki-Ofen, den ein kreisförmiges Design umgibt. Diese kreisförmige Anordnung fiel mir sofort ins Auge. In derselben Anlage innerhalb einer Nacht zwei derart unterschiedliche Saunen erleben zu können, ist doch eine äußerst luxuriöse Idee.
Und vor allem: die Heilquelle Shikanoyu. Am Morgen aufzuwachen und als erstes Ereignis in eine Heilquelle einzutauchen, das gibt es kaum etwas Angenehmeres. In der Nacht zuvor hatte das Onsen die Anspannung jeder einzelnen Zelle langsam gelöst. Am Morgen jedoch war es umgekehrt: Es fühlte sich an, als würde das Onsen jede einzelne Zelle sanft anklopfen und den schlafenden Körper wecken. Vielleicht deshalb hatte ich das Gefühl, dass mir allein durch das Eintauchen in das Wasser allmählich neue Energie zufloss.
Nach dem Auftanken in der Heilquelle zwei Runden Sauna und Wasserbecken. Der perfekte Start in den Morgen. Es gibt nun nichts mehr, was ich nicht erlebt hätte. Ich kann Hokkaido mit völlig ruhigem Gewissen verlassen.
Auf dieser Reise durfte ich exquisite Onsen, Sauna, Wasserbecken und die große Natur Hokkaidos in vollen Zügen genießen. Die Reise begann am geheimnisvollen See Shikotsu im „Marukoma Onsen Ryokan", führte weiter zum „Midorinokaze Resort Kitayuzawa" in Date, zum „Noboribetsu Grand Hotel" in Noboribetsu, wo man die Atmosphäre des Jigokudani spürt, und zum „Toya Kanko Hotel Lakeside Terrace" am windigen Ufer des Toya-Sees. Schließlich ging es nach Jozankei Onsen weiter zum „Jozankei Hotel Milione", und diese Reise wurde mit Jozankei Shikanoyu abgeschlossen. Eine Reise, auf der sich berühmte Heilquelle auf berühmte Heilquelle, berühmtes Wasser auf berühmtes Wasser und berühmte Sauna auf berühmte Sauna reihten, neigt sich nun ihrem Ende zu.
Und doch: Hokkaido ist riesig. Was ich auf dieser Reise erkunden konnte, war nur ein winziger Ausschnitt dieses weiten Landes. Deshalb werde ich sicher bald wieder hierher zurückkehren. Hakodate, Niseko, Obihiro, Kushiro, Shiretoko — ich habe bereits recherchiert, dass es dort noch viele weitere berühmte Heilquellen und Saunen gibt. Im Flugzeug auf dem Heimweg begann ich bereits, neue Pläne zu schmieden, die diese Reise noch übertreffen sollen.