Erlebnisse sind immer ein Kompromiss.
Manchmal bekommt man nicht das, was man sich erhofft hat. Dafür begegnet man an unerwarteten Orten etwas Wunderbarem. Ich hatte im Hotel Mount Fuji nicht einen einzigen Blick auf den Fuji erhascht – und steckte damit mittendrin in genau dieser Situation. Doch wenn man mit Zuversicht weitermacht, wird man manchmal mit einem unverhofften Geschenk belohnt. An diesem Tag sollte ich das am eigenen Leib erfahren.
Ich checkte aus dem Hotel Mount Fuji aus und stieg in den Shuttlebus. Am Bahnhof Fujisan angekommen, lieh ich mir zunächst ein Fahrrad. Auf meinen Reisen nutze ich in unbekannten Städten gerne das Fahrrad. Zu Fuß zu erkunden macht zwar Spaß, dauert aber länger und schränkt den Aktionsradius ein. Mit dem Rad kommt man weit, und wenn man auf eine großartige Aussicht stößt, kann man sofort anhalten und sie in vollen Zügen genießen. In Fujiyoshida, wo sich überall der Fuji zeigt, war ich überzeugt: das Fahrrad ist das beste Fortbewegungsmittel. Diese Erwartung sollte sich glänzend bestätigen.
Ich radelte los und erreichte das Fujiyama Onsen. Es war elf Uhr vormittags. Schon von außen strahlte das Gebäude Geschichte aus. Innen war es bemerkenswert ruhig – sprich: leer. Kein Wunder: Das Fujiyama Onsen bietet ein Frühbad von 6:30 bis 9:00 Uhr für 800 Yen an, der normale Eintrittspreis beträgt 2.000 Yen. Um 11 Uhr waren die Frühbad-Gäste längst verschwunden. Kostengünstiger wäre das Frühbad gewesen – aber wer Qualität sucht, muss gegen den Strom schwimmen. Sauna und Kaltbad in aller Ruhe und praktisch für sich allein genießen – das ist meine Methode.
Nach dem Einchecken ging ich in den großen Badebereich. Als ich das Badehaus betrat, traf mich ein Schlag.
Zuerst blickte ich an die Decke und verstummte. Hoch oben spannte sich ein gewaltiges Balkengeflecht, das ohne einen einzigen Nagel zusammengehalten wurde. Zelkove, Zypresse, Kiefer. Der Duft des Holzes mischte sich mit dem Dampf und füllte die Nase. Der Hauptbalken war unvorstellbar dick – eine Zelkove mit über 200 Jahren Wachstum. Die Deckenhöhe beträgt 12 Meter, der Baderaum über 100 Tsubo. Ich habe bislang über 300 Bäder besucht, aber dass mir beim Betreten eines Baderaums der Atem stockt – das war ein erstes Mal. Und das noch vor dem Bad selbst. Ist so etwas möglich?
Doch das Fujiyama Onsen hat mehr zu bieten als seine Architektur. Die heiße Quelle, die Sauna, das Kaltbad – alles war von höchster Güte.
Ich stand noch eine Weile staunend am Eingang, bis mich ein älterer Stammgast mit einem schrägen Blick aus meinen Gedanken riss. Ich besann mich und machte mich bereit.
Zuerst wärmte ich mich in der Innenquelle mit natürlichem Thermalwasser auf. Die Wasserqualität des Fujiyama Onsen ist landesweit eine Seltenheit: ein hochwertiges Naturthermalwasser, das Magnesium, Calcium, Natrium, Hydrogencarbonat, Sulfat und Chlorid in sich vereint. Im Wasser liegend blickte ich zur Balkendecke hinauf. Das Zusammenspiel aus Holzwärme und Dampf schuf einen Raum von eigentümlicher Schönheit. Im Bad zu liegen und sich von der Architektur bewegen zu lassen – das ist eine Erfahrung, die man so schnell nicht macht.
Erster Durchgang. Ich ging zur FUJIYAMA SAUNA. Eine finnische Sauna mit einem großen iki-Ofen als Mittelpunkt, das Licht gedimmt, die Atmosphäre dunkel und modern. Platz für etwa 20 Personen – doch ich war der einzige Gast. Exklusiv für mich. Kein Fernseher. Die ideale Umgebung, um ganz bei sich zu sein. Diese frühen Morgenstunden liebe ich.
Als ich mich in der Sauna umsah, fiel mir ein Wandgemälde auf. Es stammt von Katsuki Tanaka, dem Autor des Manga Sa-Do, der in Japan den Sauna-Boom ausgelöst hat. Es zeigt Menschen, die mit Blick auf den Fuji löyly genießen und in der Sauna entspannen. Auch ich hätte gern mit Blick auf den Fuji in der Sauna gesessen – aber weder gestern noch heute Morgen hatte sich der Berg gezeigt. Wenigstens auf diesem Wandgemälde war der Fuji zu sehen. Das tröstete mich ein wenig.
Nachdem mein Körper gut durchgeheizt war, ging ich ins Kaltbad. Gespeist wird es mit natürlichem Vanadiumwasser vom Fuji, das aus 150 Metern Tiefe gepumpt wird. Die Wassertemperatur liegt bei etwa 13 °C, doch es sticht nicht auf der Haut. Im Gegenteil – man möchte am liebsten darin bleiben. Bei normalem Leitungswasser mit 13 °C brennt die Haut und man hält es nicht lange aus. Dieses Gefühl ist einzig und allein in einem Kaltbad mit natürlichem Quellwasser möglich. Der Vanadiumgehalt soll etwa doppelt so hoch sein wie bei handelsüblichem Mineralwasser. Man spürt regelrecht, wie sich der Körper freut.
Beim Außenluftbad erwartet einen ein üppig mit schönen Steinen gestalteter Außenbereich mit rund zehn Liegestühlen. Die Atmosphäre ist schlicht einzigartig. Kaum hatte ich mich gesetzt, brach die Sonne hervor. Sonnenbaden und Außenluftbad in einem – welch ein Glück. Schon nach dem ersten Durchgang war ich von einem unbeschreiblichen Wohlgefühl durchdrungen.
Die Sonne war da – vielleicht würde es jetzt aufklaren. Vielleicht würde ich den Fuji noch zu Gesicht bekommen. Meine Stimmung hellte sich auf.
Zweiter Durchgang. Nach dem Außenluftbad tauchte ich in das natürliche Thermalwasser des Außenbeckens ein. Nach dem erlesenen Kaltbad und dem Außenluftbad in eine heiße Quelle zu steigen erzeugt eine Wonne, die sich der Wirklichkeit zu entziehen scheint. In Bädern, in denen die Quelle hervorragend ist, ist dieses Ritual mein fester Ablauf. Langsam ließ ich den Körper wieder aufwärmen, bevor ich erneut die FUJIYAMA SAUNA aufsuchte.
Nach einer Weile des Aufwärmens wurde der iki-Ofen angestrahlt. Rot, grün, zartes Violett – die Farben wechselten, dann begann der automatische löyly. Gegossen wird natürlich mit Fuji-Vanadiumwasser. Angenehmer Dampf füllte den Saunaraum, die gefühlte Temperatur stieg schlagartig. Die Zeit für das Kaltbad rückte näher.
Ich tauchte ins Vanadiumwasser-Kaltbad ein. Der Körper kühlte sich frisch und präzise ab. 13 °C. Und doch – seltsamerweise angenehm. Man möchte noch ein bisschen länger bleiben. Weil der Körper sich freut, vermutlich. Als ich mich auf den Liegestuhl fallen ließ, blieb ich eine Weile reglos in der Sonne liegen, den Kopf völlig leer.
Dritter Durchgang. Außenluftbad, Thermalquelle, Sauna, Kaltbad – der Ablauf war vollzogen, und damit war meine Saunaaktivität am Vormittag abgeschlossen. Bevor ich den Baderaum verließ, blickte ich noch einmal zum Balkengeflecht hinauf. Schade, es loszulassen. Dieser Ort, an den ich unbedingt wiederkommen möchte.




Nach dem Bad begab ich mich in die Lounge im dritten Stock.
Hinter dem Fenster – der Fuji.
Der Berg, der sich von gestern Abend bis heute Morgen kein einziges Mal gezeigt hatte, stand nun endlich vor mir. Er war zehnmal so groß, wie ich ihn mir nach Fotos vorgestellt hatte. So gewaltig. Und so schön. Ich saß gut dreißig Minuten in der Lounge nach dem Bad und starrte auf den Fuji. Ich konnte mich nicht losreißen.
Nach dem Essen im Restaurant schwang ich mich aufs Fahrrad. Ich fuhr in Richtung Kawaguchiko.
Als ich den See erreichte, hatte sich der Himmel vollständig in ein strahlendes Blau verwandelt. Beim Überqueren der Kawaguchiko-Brücke auf dem Fahrrad hielt ich immer wieder an, um Fotos zu machen. Der Fuji, der sich im Seespiegel spiegelte. Das Blau des Himmels, das Weiß des Schnees. Ich fragte mich, ob es so etwas wirklich auf dieser Welt geben kann.
Ich stellte das Fahrrad am Ufer des Kawaguchiko ab und setzte mich auf eine Bank. Die Aussicht, nach der ich mich so lange gesehnt hatte, lag vor mir. Der Fuji, den ich von gestern Abend bis heute Morgen so verzweifelt hatte sehen wollen, stand jetzt majestätisch da. Eine Rührung, für die mir die Worte fehlten. Eine Weile lang konnte ich keinen klaren Gedanken fassen.
Der Traum, im Hotel Mount Fuji mit Blick auf den Fuji in der Sauna zu sitzen, hatte sich nicht erfüllt. Dafür war ich im Fujiyama Onsen auf außergewöhnliche Architektur, eine erlesene Thermalquelle und eine wunderbare Sauna gestoßen, hatte nach dem Bad zum ersten Mal den Fuji in seiner ganzen Pracht gesehen und beim Radfahren am Kawaguchiko eine Aussicht erlebt, die mich immer wieder zum Anhalten zwang. Was man nicht tun kann, macht Raum für das, was man tun kann. Wer mit Zuversicht weitermacht, wird manchmal mit einem unverhofften Geschenk belohnt.
Ich gab das Mietfahrrad zurück und genoss die Aussicht auf den Fuji bis zum Sonnenuntergang in vollen Zügen. Es war genug. Mehr Verlangen wäre Gier.
Nun begann die Saunareise in die Nacht. Ich stieg in die Fujikyu-Linie und fuhr zum nächsten Ziel: Yorimichi-no-Yu, ein Onsen mit Übernachtungsmöglichkeit in Tsuru, Yamanashi.





